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Und was ist mit Tee?


Stress entsteht, wenn man meint woanders sein zu müssen, als da, wo man gerade ist. Klingt plausibel: Also ankommen im Hier und Jetzt. Danach muss das Bad aber wirklich geputzt werden. Wieso wird das eigentlich so schnell dreckig?! Ah, stop. Präsent sein. JETZT. Einatmen. Ausatmen. Das Kopfkarussel dreht fröhlich weiter seine Runden. Der nächste Termin, die Wäsche, der Streit von letzter Woche, mit Allem sind wir beschäftigt nur nicht mit dem, was wir eigentlich gerade tuen. Neulich war ich wieder in Ostfriesland. In meinen Adern fließt ein bisschen Nordsee und so fahre ich dorthin, seit ich denken kann. Sofortige Entspannung setzt ein beim Blick über weite grüne Felder und die Uhr tickt ein bisschen langsamer. Die Menschen sind gelassen, kaum etwas kann einen gestandenen Ostfriesen aus der Ruhe bringen. Was mich als allwissender Teenager so manches Mal auf die Palme gebracht hat, genieße ich heute mit allen Sinnen. Wir kommen also an, wechseln ein paar schnelle Worte und schon bald ertönt diese wohlbekannte Frage:

„Und was ist mit Tee?!“

Allgemeine Zustimmung. Wie immer. Der besonders starke Schwarztee fehlt in keinem echt norddeutschen Haushalt.

Tatsächlich erinnere ich mich an kaum einen Nachmittag, an dem wir hier dieses Ritual übersprungen hätten. Und da kommt mir ein Gedanke:

Was wenn die Teezeit die Mediation des Ostfriesen ist?

Das kochende Wasser wird über die losen Blätter gegossen. Sofort färbt es sich in einem goldenen Braun. Der Tisch ist gedeckt in „Indisch blau“ , „Ostfriesenrose“ oder für welches Porzellan man sich auch immer entschieden hat. In der Mitte das Stövchen mit Kerze, das den Tee warm hält. Man reicht das Pöttchen mit Kluntje herum (für die Unwissenden: Das ist der harte Kandiszucker, auf dem man sich die Zähne ausbeißen könnte) und reihum hört man das vertraute Klirren, wenn sie in den zarten Tassen landen.

Der heiße Tee wir dazugegeben und es ertönt ein leises Knistern, wenn er auf den Zucker trifft. Mein Lieblingsmoment! Wie ein leichter Trommelwirbel.

Ich beobachte, wie den meisten Menschen am Tisch ein kurzes Lächeln entweicht. Oft auch begleitet von „Ach, das Geräusch ist immer schön“. Alle sind hier, beim Tee, im Moment. Der ostfriesische Tee ist sehr stark und wir traditionell mit fettiger Sahne getrunken.

Diese befindet sich in einem kleinen Kännchen (natürlich passend zum Rest des Porzellans) mit einem kleinen silbernen Löffelchen. Damit lässt man die Sahne vorsichtig am Rand der Tasse in den Tee laufen. Und dann? Dann gibt es Wölkchen, die an die Oberfläche steigen. Kleine, Große. Eine nach der Anderen, der geübte Trinker erkennt ganze Bilder. Dieses Schauspiel dauert nur kurz und man beobachtet es ehrfürchtig. Niemand würde es wagen währenddessen zu reden. Ein Spektakel im Tassenformat. Dann erst wird umgerührt. Dann erst getrunken. Vorsichtig. Ohne Hast. Dabei teilt man Geschichten und Geschehnisse des Tages. Eine Auszeit die fest in der Routine integriert ist. Eine gemeinsame Zeremonie.

Genau diese Momente schaffen Klarheit, Durchatmen und Gelassenheit. Vermeintlich unwichtig, vermeintlich klein. Diese kleinen Dinge bringen uns zu uns selbst zurück. Immer wieder, am besten Täglich.

Die Japaner haben diese Lebensweise nahezu perfektioniert und den Alltag in viele kleine Rituale geteilt. Was man in Fernost kann, kann man an der Nordsee natürlich schon lange! Und wir übrigen Menschen mit unseren wahnsinnig wichtigen, vollen Kalendern sollten immer ein bisschen Raum lassen. Für das Bewusste in der Routine. Für den Zauber im Moment.

Das Leben ist vielleicht sogar ein bisschen wie der schwarze Tee. Aus Bitterkeit und Zuckersüße entsteht erst der Genuss. Das Eine ohne das Andere steht ganz schön einsam da.



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