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Philosophie von Ebbe und Flut

Neulich habe ich wieder am Meer gesessen.

Das habe ich schon oft in meinem Leben getan und doch weiß ich vorher nie, mit welcher Erkenntnis ich zurück komme.

Die Meere waren sogar eine Zeit lang mein zu Hause. Ich habe auf ihnen gewohnt und täglich in die Ferne gestarrt. Da liegen Geheimnisse in der Tiefe der Ozeane und die Wellen singen uralte Melodien. Ich bin bis heute absolut sicher, dass ich ans Meer gehöre. Da fühlt es sich an wie Sicherheit. Zumindest ein bisschen.


In meiner Kindheit habe ich viel Zeit an der Nordsee verbracht. Der starke Wind, das flache Land und die erdigen Menschen machen einen Teil von mir aus.

So auch das Meer. Es klingt jetzt etwas romantischer, als es in Wahrheit ist. Die Nordsee ist nämlich zu einem Großteil des Tages eine große Matschpfütze. So habe ich das zumindest früher wahr genommen.

Heute weiß ich, dass das Wattenmeer sehr besonders ist, es wurde sogar 2006 endlich ins Weltnaturerbe der UNESCO aufgenommen.

Durch die Rauheit der Gezeiten tummelt sich unfassbar viel Leben im Meeresboden, der sich regelmäßig uns komplett offenbart. Als würden die Geheimnisse mit der Ebbe und dem Wasser von dannen ziehen. Dann wird sichtbar, was darunter liegt und trotzdem verstehen wir es nicht wirklich. Ich habe Zeit meines Lebens die Flut vorgezogen. Die Wellen, die salzige Luft die damit über die Küste strömt und vermutlich auch das Verborgene darunter.

Neulich habe ich mal wieder am Meer gesessen.

Und es war kein Wasser da. Es war Ebbe. Das glänzende, feuchte Watt zog sich bis zum Horizont und die Abendsonne spiegelte sich darin. Der Wind zerzauste mein Haar, verwuschelte meine Gedanken.

Und da stand ich mit mir selbst am Ufer. Und es war so atemberaubend schön.

Zum ersten Mal störte mich nicht die Abwesenheit der Wellen. Ich konnte erkennen, wie wichtig diese Phase ist. Ebbe. Scheinbare Leere. Oder eben auch das Freilegen vom Untergrund. Vom Fundament.

Die Seemöwen genossen ihr Buffett von zurückgebliebenen Krebsen und flogen fröhlich schreiend durch die Gegend. Und die Sonne sank. Ich blieb sitzen.

Es gibt keine Flut ohne Ebbe. Es gibt keine Fülle ohne Leere. Diese Momente von Freude und Ekstase können nicht ewig bleiben, sonst wüssten wir sie nicht zu schätzen. Und man hat uns beigebracht, dass auf der anderen Seite Leid ist. Schmerz.



Was aber, wenn diese Momente zwischen dem Glück genauso voller Wunder sind. Was habe ich nicht schon gelernt und verarbeitet in Zeiten der Langeweile. Was sind nicht schon für großartige Ideen und Entscheidungen aus der Ruhe entstanden.

Es vergehen die Jahre und wir lernen, dass das Wasser wieder kommt. Es wächst das Vertrauen, dass das Glück dazu gehört und dass wir nicht darauf zu hoffen brauchen.

Es ist da in jedem Moment, manchmal nur außer Sichtweite.

Und dann können wir auf den Grund sehen. Was ist hier geblieben und was haben die Wassermassen mitgenommen. Sie waschen unsere Herzen aus von Zeit zu Zeit und bringen frische Klarheit, wenn sie wieder kommen.


Neulich habe ich endlich wieder am Meer gesessen.

Die Gezeiten gehören zur Welt, soweit war ich ja schon. Das auch wir Gezeiten sind, das wurde mir erst kürzlich klar. Und auch, wie sehr wir sie bekämpfen. Die lauten Freudenschreie, bitte leiser. Die dunkle Trauer, lach doch mal.

Man kann nicht schwimmen ohne Wasser und die Wellen reißen uns regelmäßig fort. Stattdessen könnten wir uns vorbereiten und da sein wo wir gerade sind. Im Watt oder im Meer. Im jetzigen Moment. Man braucht nicht auf die Flut zu warten und sich vor der Ebbe nicht zu fürchten.

Das habe ich gelernt, als ich so an der Küste saß.

Das habe ich mitgenommen, als Erkenntnis aus dem Meer.

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